06
Feb
10

islamkritik

Mit der Toleranz ist es so eine Sache. Sie ist ein Produkt der Vernunft und müsste demnach den Gesetzen der ratio gehorchen. Der Mensch ist aber, und das haben wir auch im Zeitalter der Aufklärung gelernt, nicht nur Kopfmensch, sondern auch sinnliches, empfindendes Wesen. Und eben diese Empfindungen – sei es Angst oder Fremdheit – hindern uns oft genug daran, tolerant zu sein.

In den letzten Wochen konnte man die Burka-Diskussion in Frankreich mitverfolgen. Sie ist ja nicht neu und erinnert uns an die Kopftuch-Diskussion an deutschen Schulen. Wenn ich an die Burka denke, dann habe auch ich in einer ersten Reaktion das Gefühl, dass diese Ganzkörper-Verhüllung nicht rechtens ist und auf eine Unterdrückung der Frau verweist. So einfach ist es indes nicht. Man findet immer wieder verschleierte Frauen, die dies freiwillig und aus Überzeugung tun. Somit hängt das äußerliche Erscheinungsbild mit ihrem inneren Glauben zusammen. Dies scheint irrsinnig und fremd, ist doch aber nicht so verwunderlich. Auch im Christentum sehen wir Kleidungsgebote, etwa der Talar, dessen etymologische Herkunft auf die Knöchellänge (talus = Fußknöchel) zurückzuführen ist.

In den vergangenen Tagen hat der Junge namens Cihad nun Aufsehen erregt, der wegen seines “islamistischen” Namens nicht von einer Zahnärztin behandelt worden ist. Das Wort “Dschihad”, so wie es die westliche Welt kennengelernt hat, kann man in einem religiös fundamentalistischen Sinn als “Heiligen Krieg” übersetzen. Das Wort muss aber nicht militärisch gedeutet werden, sondern kann ganz einfach als “Anstrengung” oder “Kampf” im Weg zu Gott verstanden werden. Wieder einmal sehen wir, dass eine empfindsame und nicht vernunftsmäßige Reaktion eine erste Reaktion auf die religiöse Fremdheit beeinflusst hat.

Mir selbst ist der Islam viel zu unbekannt, als dass ich hier etwas über diese Religion sagen kann. Vielleicht steht es mit dem Christentum ganz ähnlich, denn auch diese Religion scheint mir manchmal ganz fremd zu sein. Vor einigen Jahren habe ich mich einmal näher mit dem Islam auseinanderzusetzen versucht, habe Teile aus dem Koran gelesen und eine Vorlesung zur Geschichte des Islam besucht. Erstaunlicherweise fand ich – nun wieder aus einem rationalen Blickwinkel – die Entstehungsgeschichte sehr einleuchtend. Logischer teilweise, als die des Christentums. Auch zu dieser Zeit erst habe ich gelernt, dass Judentum, Christentum und Islam sukzessive aufeinander aufbauen und somit eben gleiche Wurzeln haben. Vielleicht ist der Islam deshalb in seiner staatsverankernden Entwicklung nicht so weit wie die laizistischen europäischen Staaten mit ihrer Religionsfreiheit und ihrem staatsunabhängigen Glauben. Dies ist zumindest die implizite These eines Artikels der Zeit, der in einem geschichtlichen Rückblick auf die Befreiung des Staates von der Religion verweist: Der Streit um den Islam. Allerdings, und wenn man es sich recht überlegt, stelle ich mir die Frage: leben wir wirklich in Staaten, in denen Religionsfreiheit herrscht? Bei jedem Bau einer Moschee und bei jedem Kopftuch in öffentlichen Sphären gibt es Diskussionen, die teilweise zu verboten führen. Zudem verweist das ständige Argument – in letzter Zeit von der Schweiz berufen -, dass auf Intoleranz in muslimischen Staaten gegenüber christlichem Glauben keine Toleranz gegenüber dem Islam in christlichen Staaten folgen dürfe, ein Rückschritt genau in diese Zeit. Wenn wir die Prinzipien unserer Gesellschaft aufgeben, weil andere Teile der Weltbevölkerung ihnen nicht gerecht werden, wo werden wir enden?

09
Jan
10

Hilfe, Hilfe: Schneechaos?!

Es hat geschneit und in Stuttgart liegen nun also auch gute 10 cm Schnee. Wow! Ich freu mich riesig, endlich auch mal in diesen Höhenlagen Winter, so wie ich ihn aus meiner Kindheit, aus Bilderbüchern, aus Weihnachtsfilmen kenne, zu erleben. Schaut man aber in die Zeitungen, scheint ein Chaos in Deutschland ausgebrochen zu sein. Sturmtief Daisy (was ein netter Name schon wieder für ein Ungeheuer!) überrennt Deutschland, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät zu Hamsterkäufen, die auch Kerzen und batteriebetrieben Radios beinhalten sollen.

Scheint fast so, als würde die Welt zusammenbrechen, als müssten wir nun alle verhungern, weil wir nicht mehr vor die Tür gehen können. Okay, ich muss einräumen, dass es in Orten, wo es fast nie schneit, wirklich etwas chaotisch zugeht. Offensichtlich gibt es in Stuttgart nicht genug Schneebahner bzw. Menschen, die diese fahren können. Gestern abend, nach einem ganzen Tag voller Schnee, waren die Straßen um den Hauptbahnhof herum immer noch nicht geräumt. Dagegen sind die Gehwege durch die Anwohner meist besser begehbar als die Straßen befahrbar sind. Nun gut, dann muss man eben auf Bus und Bahn umsteigen, und eventuell mit Verzögerungen rechnen. Katastrophen sehen für mich aber anders aus.

Wie gesagt: ich freu mich! Der Schnee lässt alles ein bisschen langsamer und ruhiger werden. Während die Menschen in der Adventszeit vor lauter Stress die weihnachtliche Besinnlichkeit einfach von sich geschoben haben, können sie nun im Schnee”chaos” des neuen Jahres endlich mal zu Hause bleiben und entspannt die Füße an die Heizung halten. Und wenn man sich die Kinder anschaut, die mit großen Augen durch den Schnee rennen, dann erkennt doch jeder, dass Schnee eigentlich etwas Schönes ist und dass wir uns daran erfreuen sollten.

08
Dez
09

vorsicht: unseriöse spendensammler!

Schon mal etwas vom Deutsch-afrikanischen Jugendwerk gehört? Eine Organisation mit einer in Frankfurt lebenden kongolesischen Prinzessin, die sich als Konsulin der UNESCO versteht und dafür im großen Stil Geld sammelt. Weil sie hübsch ist und jeder Mitleid mit armen afrikanischen Kindern hat, ist sie auch nicht schlecht in ihrem Job und sammelt gerade jetzt vor Weihnachten eine Stange Geld.

Nur: Die Organisation hat nichts mit den Kinderheimen in Afrika zu tun, die sie auf ihrer Seite anpreisen. Die Prinzessin ist auch nicht von der UNESCO in irgendeiner Weise beauftragt. Und die Organisation trägt auch nicht das Gütesiegel, den TÜV der Hilfsorganisationen:

Also Vorsicht! Es gibt genug Menschen auf der Welt, die Hilfe brauchen. Aber bevor man sein Geld zum Fenster rauswirft, sollte man prüfen, wohin man es steckt. Ein kleiner Tipp: Plan-Patenschaften sind zum Beispiel ne gute Sache. Hier wird man von der Organisation auch immer über den Gang der Spenden informiert.

Eine kurze Doku über die Deutsch-afrikanische Gesellschaft kann man in der ZDF-Mediathek sehen. Es kam in “Frontal 21” am 8.12.09 um 21 Uhr.

03
Dez
09

ein hoch auf den nichtraucherschutz

Jetzt mal im Ernst, man hat sich doch wirklich an die Raucher vor den Kneipen und Gaststätten gewöhnt. Überall stehen sie, teilweise um Stehaschenbecher, teilweise unter beheizten Schirmen und ziehen gemeinsam ihre Zigaretten auf. Nur selten trifft man wirklich auf Raucher – nie eigentlich auf Nichtraucher – die den alten verqualmten Wirthäusern hinterher weinen. Da darf man sich also ernsthaft fragen, warum Bayern nun einen Rückschritt in Sachen Nichtraucherschutz anstrebt. Andererseits braucht man sich nicht wundern, wenn sich genügend vernünftige Bürger finden lassen, die sich bei einem Volksbegehren – einem viel zu selten gebrauchten demokratischen Mittel – gegen die Landesregierungspläne wenden.

http://www.nichtraucherschutz.de/

Ein Hoch auf die Bayern also!!! Im Übrigen möchte ich in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass in der neuen EU-Verfassung Volksbegehren nun aufgenommen sind. Das ist unsere Chance, neben der Entsendung von unserem guten Herrn Oettinger, einen Beitrag an der Politik zu leisten.

22
Nov
09

ein plädoyer für fleischreduzierte Nahrung

Nicht schon wieder ein Vegetarier, der missionieren möchte. Das denken sich vermutlich die meisten, die hier allein nur die Überschrift lesen. Und in der Tat, ich möchte es gar nicht verleugnen, ich bin Vegetarier. Aber es handelt sich hier nicht um einen Missionierungsversuch und auch nicht um die ideologische Propaganda.

Die Evolution hat gezeigt, dass Menschen Fleisch essen können und dies wohl auch gerne tun. Dagegen ist nichts einzuwenden, es scheint doch völlig natürlich. Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß dies geschieht. Denn evolutionstechnisch kann der Mensch ebenso Getreide, Gemüse, Obst, etc. essen und hat – wenn er sich gesund ernährt – keine Mangelerscheinungen, wenn er wenig oder kein Fleisch isst. Das richtige Maß sollte also gefunden werden. Leider scheint es in der westlich-zivilisierten Welt der Fall zu sein, dass viele Menschen zu viel Fleisch essen. Dies kann einerseits auf die eigene Gesundheit schlagen – was dann ein individuelles Problem ist -, andererseits löst es ein Welternährungsproblem aus.

60 % der landwirtschaftlichen Produkte werden für Tiernahrung verbraucht. (hier ein Kurzvideo und Informationen) Tiere müssen, um geschlachtet werden zu können, erst eine gewisse Größe und Schwere erreicht haben. Dies gelingt nur durch ständiges Füttern und hormonelle Zusatzstoffe. Sogesehen wandert die Nahrung, die man für Menschen nutzen könnte, über ein anderes Lebewesen. Am Ende dieser Kette steht eine Verringerung der anfänglichen Masse, aber eine “Aufwertung” des Produkts. Fleisch ist offensichtlich besser und mehr Wert als Getreide. Fatal an der Geschichte ist nun noch die kurze Haltbarkeit von Fleisch, was dazu führt, dass große Teile gar nicht erst im Supermarkt landen bzw. von dort direkt in die Abfälle gehen. Getreide hingegen ist viel länger haltbar, kann über weite Strecken transportiert werden und somit auf der ganzen Welt als Nahrung eingesetzt werden.

Wenn alle also ein bisschen weniger Fleisch essen, es womöglich noch bei einem guten Metzger aus der Region kaufen und sich damit auch etwas Gutes gönnen, müsste weniger Getreide für die Fleischproduktion geopfert werden. Damit könnte jeder einzelne seinen Beitrag zur Lösung der Hungerproblematik auf der Welt leisten. Fleischreduktion ist somit nicht nur ein Thema für Vegetarier.

09
Nov
09

der 9. november – ein geschichtlicher tag

Der 9. November spielt in unserer jüngeren Vergangenheit eine große Rolle, schließlich wurde an diesem Tag die Mauer in Berlin durchbrochen. Darüber hinaus wird aber oft vergessen, dass der 9. November schon zuvor sehr geschichtsträchtig war:

1799 beendet Napoleon Bonaparte offiziell mit einem Staatsstreich die Französische Revolution.

1918 findet die sogenannte November-Revolution statt. Die deutsche Monarchie ist vorbei, die Abdankung Wilhelms II. wird verkündet, Ebert wird Reichskanzler.

1923 wird der erste Versuch Hitlers, an die Macht zu kommen, der Hitler-Ludendorff-Putsch, blutig niedergeschlagen. Hitler muss noch weitere 8 Jahre warten, bis er vom Volk ausreichend anerkannt wird.

1938 findet die Reichspogromnacht statt. Zahlreiche jüdischen Synagogen fallen ihr zum Opfer.

International gesehen gab es noch zahlreiche weitere wichtige Ereignisse, die an eben jenem Tag stattgefunden haben. Der 9. November sollte deshalb von uns als Mahnmal verstanden werden. Er soll uns daran erinnern, wie wichtig Geschichte ist, und uns zeigen, dass epochale Ereignisse oft nur an einem einzigen Tag passieren.

05
Nov
09

Kult um Mao Zedong

In Changsha, in der Provinz Hunan, wird derzeit eine 32m hohe Mao-Statue gebaut. Noch immer, mehr als 30 Jahre nach dessen Tod und der Bekanntwerdung der unmenschlichen Greuel, wird Mao Zedong als Held seines Landes gefeiert. Was manchmal in Vergessenheit gerät, soll hier noch einmal gesagt werden. China steht mit 76 Mio. Genozid-Opfern zwischen 1949 und 1987 an der Spitze der Länder, die ihr eigenes Volk aus politischen und idealistischen Gründen verfolgt und ermordet haben. (Tabellen: 1, 2)

Was für eine Propaganda muss veranstaltet werden, dass diese Opferzahlen nicht im Gedächtnis der Menschen bleiben, dass die Menschen sich nicht gegen die Verherrlichung eines Diktators wehren? Momentan wird auf Adolf Hitler das Konzept der charismatischen Herrschaft (Max Weber) angewendet: Hitler wurde vom Volk akzeptiert und gefeiert, weil er Charismatiker war, er hat die Leute irgendwie mobilisiert und mitgerissen, einen neue Dynamik im Volk entstehen lassen und auch eine neue Volksgemeinschaft geschaffen. Damit kann erklärt werden, warum ein Diktator in seiner Zeit – bis zu einem bestimmten Wendepunkt – gefeiert wird. Was für ein Charismatiker aber muss ein Diktator sein, wenn 30 Jahre nach seiner Herrschaft, zu einem Moment wo alle Grausamkeiten offengelegt sind, dieser immer noch akzeptiert und gefeiert wird?

04
Nov
09

Wettermacher China

Schon mal etwas von “Wetteränderungsamt”  oder “staatliches Amt für Wetterbeeinflussung” gehört. Wenn man diese Begriffe googelt, stößt man tatsächlich auf einige Treffer, fast alle beziehen sich aber auf Zeitungsartikel des heutigen Tages. Ein Schneechaos in Peking, beeinflusst durch chemische Raketen, führt bei uns dazu, dass man sich wieder einmal mit den kommunistisch-diktatorischen Maßnahmen in China auseinandersetzt. Ähnlich wie in der Planwirtschaft wird dort nämlich das Wetter vorausgeplant. Das dies aber nicht erst jetzt so ist, zeigt ein Bericht von 2008, der darauf verweist, dass Chinas Wetteramt “notfalls mit technischen Methoden” Regen an der Olympiade vermeiden sollte.

Was zunächst aus einer anderen Welt stammen mag, ist aber auch der europäischen Zivilisation nicht ganz fern. Googelt man mal ein bisschen weiter, findet man unter anderem Wetterbeeinflussung in Süddeutschland, etwa als 2007 die Hagelstürme mit Spezialflugzeugen bekämpft werden sollten.

In welcher Welt wollen wir eigentlich leben? Reicht es nicht, dass die Natur sich durch die menschliche Abfallproduktion (Atommüll, Abgase, etc.) verändert? Was wird aus dem Leitspruch unserer Mütter: “Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.”

01
Nov
09

wehrdienstkürzungen

Die neue Regierung möchte nun also den Wehrdienst auf 6 Monate kürzen. Im ersten Moment scheint dies ein anregender Gedanke zu sein. Leider nur im ersten Moment.

Zum Wehrdienst gibt es im Grunde zwei Positionen. Entweder man ist dafür oder dagegen. Ist man dafür, dann deshalb, weil man denkt, dass ein Land eine Armee braucht, dass diese sich aber nicht freiwillig rekrutieren lässt, weshalb man die jungen Männer dazu bringen muss. In diesem Fall aber ist man Befürworter von bewaffneten fähigen Armeen und nicht von Hilfsbataillonen ohne Vorkenntnisse. Wenn eine militärische Aubildung auf 6 Monate schrumpft, haben die zukünftigen Soldaten dann überhaupt die Chance, sich mit den Methoden, Ideen, Verhaltensweisen der Armee auseinanderzusetzen?

Ist man nun gegen die Bundeswehr oder aber zumindest kritisch gegenüber dem System von Armeen und den daraus möglichen Kriegen eingestellt, hatte man bisher immer noch die Chance, Zivildienst zu leisten. Nun ist aber fraglich, ob ein junger Mann, dem das Auszeitjahr sowieso schon lästig ist, sich für einen Zivildienst entscheiden möchte, wenn die Zeit bei der Bundeswehr halbiert wird. Die termporäre Differenz zwischen Zivildienst und Wehrdienst spielt heute schon eine große Rolle, dabei handelt es sich nur um wenige Monate. Das Argument, dass Zivis sowieso kaum im sozialen Sektor gebraucht würden, finde ich in diesem Sinn auch nicht tragbar. Schließlich geht es um Ideale und Grundeinstellungen, wenn man sich für den Zivildienst entscheidet, und nicht um den Nutzen für den Staat. Und diese Ideale sehe ich in Gefahr, wenn man den Dienst einseitig kürzt.

Da nun also weder dem Freund noch dem Gegner der Bundeswehr diese Kürzung etwas taugt, frage ich mich, was sind die wahren Gründe einer solchen Entscheidung. Und wieder einmal lande ich bei den finanziellen Mitteln. Denn hat eine Bundeswehr etwas von schlechter ausgebildeten Soldaten? Eben nicht. Aber der Staat hat etwas davon, wenn er Wehrdienstler künftig kürzen ernähren, unterbringen, versorgen muss. Es handelt sich um finanzielle Sparmaßnahmen, die aber nur kurzfristig Freude bringen.

In diesem Fall sollte sich die Regierung vielleicht eher überlegen, ob man dieses System der Soldaten-Rekrutierung nicht gegen einen freiwilligen Wehrdienst eintauschen sollte, bei dem dann weniger antreten, die aber richtig ausgebildet werden. Ob der Zivildienst in diesem Fall dann auch nicht besser in das System des Freiwilligen Sozialen Jahrs übergehen sollte, wäre dann die zweite Überlegung.

 

26
Okt
09

Lehrer – aber keine Pädagogen

Wenn ich mich an meine Schulzeit zurückerinnere, dann sehe ich viele unmotivierte Lehrer vor mir stehen, oder sagen wir besser sitzen. Denn oft saßen sie hinter ihrem Lehrerpult, erzählten etwas von ihrem Fach, meist gelangweilt, manchmal vielleicht sogar begeistert bei der Sache – den es ging zum Beispiel um hohe Physik -, aber konnten ihre Begeisterung nicht vermitteln. Wir Schüler saßen andererseits auf unseren Bänken und langweilten uns.

Viele Jahre später, nach einem abgeschlossenen Lehramtstudium, wundert mich das nicht mehr. In meinem ganzen Studium musste ich vier Scheine in Pädagogik machen, wobei zwei Vorlesungsscheine ohne Klausur waren, de facto ein Zeitabsitzen. Wie sich kürzlich herausgestellt hat, hat man in Pädagogik “theoretisch” zwar die Möglichkeit, die Zulassungsarbeit zu schreiben, “praktisch” aber nicht (vgl. ältere Artikel). Es fehlt also schon im Studium an pädagogischem Wissen.

Nun gut, so sieht es im Studium aus, im Referendariat lernen die zukünftigen Lehrer zumindest ein bisschen Pädagogik… oder doch nicht? Diejenigen, die ins Referendariat gehen, vielleicht schon. Aber wie sieht es mit den Mangelfächern aus oder den Fällen, in denen ein Lehrer plötzlich krank wird und für eine bestimmte Zeit ausfällt. Ein Kommilitone von mir, gerade fertig mit dem Studium und auf den Ref.-Platz wartend, unterrichtet vier Stunden wöchentlich in einer 10. Klasse an einem Gymnasium Deutsch. Er hat sich beim Landeslehrerprüfungsamt beworben und wird nun als Aushilfslehrer eingesetzt. Für diese vier Stunden bekommt er mehr Lohn, als ein Referendar für diese Zeit bekommen würde. Wen aber dies nicht verwundert, der sollte sich doch mal Gedanken darum machen, dass halb-ausgebildete Lehrer – denn offensichtlich fehlt es diesem Kommilitonen an jeglichem Pädagogik-Unterricht – den Schüler als vollwertige Lehrer vorgesetzt werden. Und dies in einer Klassenstufe, die entscheidet, ob der zukünftige Werdegang weiterhin am Gymnasium stattfinden wird.

In unserem Bundesland gibt es fast 5.000 Lehrer, die auf einen Einstellung warten. Anstatt diese einzusetzen werden halb-ausgebildete Lehrer – mit mangelnden Pädagogik-Kenntnissen – auf die Schüler losgelassen. Die Frage lautet also: Was hat einen höheren Stellenwert, Kinder oder Geld?

Nachdem ich heute in der ZEIT einen Artikel über Quer- und Seiteneinsteiger ins Lehramt gelesen habe, bin ich fast ein bisschen desillusioniert. Es mangelt an Chemie-, Physik-, Mathematik-, Informatik- und Lateinlehrern. Von Latein einmal abgesehen handelt es sich bei allen Fächern um solche mit einer hohen Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Ebenso scheint es an der Universitäten derzeit viele Naturwissenschaftler zu geben. Schaut man sich die Gehälter allerdings an, ist es klar, warum es einen Mangel an genau diesen Fächern gibt. Während sich ein Anglist oder Romanist nicht zweimal überlegt, ins Lehramt zu gehen, entscheidet sich fast kein Naturwissenschaftler für diesen Beruf. Die Gewinnspanne und die Arbeitsmarktlage liegen dann doch zu weit auseinder. Dafür büßen müssen die Schüler, die vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern mit Lehrern rechnen müssen, die kein Interesse an ihnen, sondern nur an ihrem Fach vorweisen.