Mit der Toleranz ist es so eine Sache. Sie ist ein Produkt der Vernunft und müsste demnach den Gesetzen der ratio gehorchen. Der Mensch ist aber, und das haben wir auch im Zeitalter der Aufklärung gelernt, nicht nur Kopfmensch, sondern auch sinnliches, empfindendes Wesen. Und eben diese Empfindungen – sei es Angst oder Fremdheit – hindern uns oft genug daran, tolerant zu sein.
In den letzten Wochen konnte man die Burka-Diskussion in Frankreich mitverfolgen. Sie ist ja nicht neu und erinnert uns an die Kopftuch-Diskussion an deutschen Schulen. Wenn ich an die Burka denke, dann habe auch ich in einer ersten Reaktion das Gefühl, dass diese Ganzkörper-Verhüllung nicht rechtens ist und auf eine Unterdrückung der Frau verweist. So einfach ist es indes nicht. Man findet immer wieder verschleierte Frauen, die dies freiwillig und aus Überzeugung tun. Somit hängt das äußerliche Erscheinungsbild mit ihrem inneren Glauben zusammen. Dies scheint irrsinnig und fremd, ist doch aber nicht so verwunderlich. Auch im Christentum sehen wir Kleidungsgebote, etwa der Talar, dessen etymologische Herkunft auf die Knöchellänge (talus = Fußknöchel) zurückzuführen ist.
In den vergangenen Tagen hat der Junge namens Cihad nun Aufsehen erregt, der wegen seines “islamistischen” Namens nicht von einer Zahnärztin behandelt worden ist. Das Wort “Dschihad”, so wie es die westliche Welt kennengelernt hat, kann man in einem religiös fundamentalistischen Sinn als “Heiligen Krieg” übersetzen. Das Wort muss aber nicht militärisch gedeutet werden, sondern kann ganz einfach als “Anstrengung” oder “Kampf” im Weg zu Gott verstanden werden. Wieder einmal sehen wir, dass eine empfindsame und nicht vernunftsmäßige Reaktion eine erste Reaktion auf die religiöse Fremdheit beeinflusst hat.
Mir selbst ist der Islam viel zu unbekannt, als dass ich hier etwas über diese Religion sagen kann. Vielleicht steht es mit dem Christentum ganz ähnlich, denn auch diese Religion scheint mir manchmal ganz fremd zu sein. Vor einigen Jahren habe ich mich einmal näher mit dem Islam auseinanderzusetzen versucht, habe Teile aus dem Koran gelesen und eine Vorlesung zur Geschichte des Islam besucht. Erstaunlicherweise fand ich – nun wieder aus einem rationalen Blickwinkel – die Entstehungsgeschichte sehr einleuchtend. Logischer teilweise, als die des Christentums. Auch zu dieser Zeit erst habe ich gelernt, dass Judentum, Christentum und Islam sukzessive aufeinander aufbauen und somit eben gleiche Wurzeln haben. Vielleicht ist der Islam deshalb in seiner staatsverankernden Entwicklung nicht so weit wie die laizistischen europäischen Staaten mit ihrer Religionsfreiheit und ihrem staatsunabhängigen Glauben. Dies ist zumindest die implizite These eines Artikels der Zeit, der in einem geschichtlichen Rückblick auf die Befreiung des Staates von der Religion verweist: Der Streit um den Islam. Allerdings, und wenn man es sich recht überlegt, stelle ich mir die Frage: leben wir wirklich in Staaten, in denen Religionsfreiheit herrscht? Bei jedem Bau einer Moschee und bei jedem Kopftuch in öffentlichen Sphären gibt es Diskussionen, die teilweise zu verboten führen. Zudem verweist das ständige Argument – in letzter Zeit von der Schweiz berufen -, dass auf Intoleranz in muslimischen Staaten gegenüber christlichem Glauben keine Toleranz gegenüber dem Islam in christlichen Staaten folgen dürfe, ein Rückschritt genau in diese Zeit. Wenn wir die Prinzipien unserer Gesellschaft aufgeben, weil andere Teile der Weltbevölkerung ihnen nicht gerecht werden, wo werden wir enden?




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